Beschreibung des Trainings

Das Verhaltenstherapeutische Wortschatztraining ist ein Modul des Lese-/  Rechtschreibtrainings (Simonszent). Es wurde aus dem therapeutischen Alltag in der Arbeit mit legasthenen Kindern heraus entwickelt und umfasst insgesamt  2000 Karteikarten. Das Training ist in fünf Stufen à 400 Karteikarten untergliedert:

 

Basiswortschatz A
 


  • leichtes Wortmaterial
  • empfohlen ab Ende Schuljahr 1

  • Basiswortschatz B


  • leichtes bis mittelschweres Wortmaterial
  • empfohlen ab Ende Schuljahr 2

  • Aufbauwortschatz A
     


  • mittelschweres Wortmaterial
  • empfohlen ab Ende Schuljahr 3

  • Aufbauwortschatz B
     


  • mittelschweres bis schweres Wortmaterial
  • empfohlen ab Ende Schuljahr 4

  • Aufbauwortschatz C


  • schweres Wortmaterial
  • empfohlen ab Ende Schuljahr 5

  •  

     

    1. Besondere Merkmale des Trainings

    Der Wortschatz ist einerseits sehr umfangreich, andererseits aber in einem überschaubaren Zeitraum zu bewältigen. Er beinhaltet die 2000 wichtigsten Vokabeln, die für ein sicheres Zurechtkommen in der deutschen Sprache benötigt werden. Die Zusammenstellung erfolgte in Anlehnung an gängige Grundschulwortschätze verschiedener Bundesländer der Bundesrepublik Deutschland, ergänzt durch einen umfangreichen Fundus lerntherapeutisch bedeutsamer Merkwörter. Darüber hinaus enthält er alle gängigen unregelmäßigen deutschen Verben.

     

    2. Zielgruppe

    Das Training kann im therapeutischen Bereich und präventiv zu Hause verwendet werden. Seit 2011 wird es an einigen Grundschulen in Kleingruppen eingesetzt. Es eignet sich sowohl für die Unterstützung von Kindern im Regelunterricht als auch für die Förderung von Kindern und Jugendlichen, die an einer Lese-/ Rechtschreibschwäche oder an einer Lese-/ Rechtschreibstörung leiden. Darüber hinaus findet das Training Anwendung in der Erwachsenenbildung beim Erlernen von Deutsch als Fremdsprache.

     

     

    3. Implizites Lernen

    Legasthene Kinder weisen auf kognitiver Ebene Geschwindigkeits- und Kapazitätsdefizite bei der sprachlichen Informationsverarbeitung auf (Simonszent, 2004). Ziel der Therapie beziehungsweise des Trainings sollte es deswegen sein, diese Defizite durch gezieltes Üben zu reduzieren. In diesem Zusammenhang sind zwei Arten des Lernens von zentraler Bedeutung:

     
    Lernen durch Wiederholung: 
    Ein Lerninhalt wird leichter und schneller abgerufen, je häufiger auf diesen zugegriffen wird (Ebbinghaus, 1885; Lemoine, Levy & Hutchinson, 1993). Erfolgen die Lerndurchgänge wiederholt über einen längeren Zeitraum hinweg, ist eine Steigerung der Lernleistung zu erwarten (Dempster, 1988).

    Lernen durch Transfer:  Ein Lerninhalt wird leichter und schneller abgerufen, wenn vorher ein verwandter Inhalt abgerufen wurde (Laxon, Coltheart & Keating, 1988; Perkins & Salomon, 1992).

     
    Beide Lernarten werden im Verhaltenstherapeutischen Wortschatztraining verbunden. Durch die tägliche Bearbeitung des Wortschatztrainings lernt Ihr Kind wichtige Rechtschreibregeln und Metastrukturen des deutschen Schriftsprachsystems, ohne jedoch mühsam Regeln explizit lernen zu müssen. Die wiederholte Auseinandersetzung mit dem umfangreichen Wortmaterial mithilfe der für das Training entwickelten Vorgehensweise (siehe Durchführung des Trainings), führt zu spezifischen kognitiven Transferleistungen und ermöglicht dadurch ein natürliches, implizites Lernen. Beispielsweise lernt Ihr Kind auf diese Weise die Unterscheidung von Verben, Substantiven und Adjektiven. Weitere Lerninhalte, die implizit erworben werden, finden Sie im Folgenden.

     

    3.1 Implizites Lernen bei der Bearbeitung von Verben

    • Kleinschreibung von Verben (gehen)
    • Endungen von Verben (du singst, er singt)
    • Infinitivbildung (singen)
    • Personalpronomen (ichduer...)
    • Vergangenheitsformen regelmäßiger Verben (ich drehte)
    • Vergangenheitsformen unregelmäßiger Verben (ich sang)
    • Einsatz von Hilfsverben (ich habe gesungen, ich bin gegangen) 

     

    3.2 Implizites Lernen bei der Bearbeitung von Substantiven

    • Großschreibung von Substantiven (Haus)
    • Auslaute D/T, B/P, G/K  (Hunde - Hund, Körbe - Korb, Tage - Tag)
    • EU/ÄU, E/Ä (Haus - Häuser, Band - Bänder)
    • S/SS/ß (Gräser - Gras, Fässer - Fass, Späße - Spaß)
    • Verdopplung (Kämme - Kamm)
    • Endungen von Substantiven (Richtung, Ereignis)
    • Grammatisches Geschlecht von Substantiven (der Tisch, die Sonne)

      

    3.3 Implizites Lernen bei der Bearbeitung von Adjektiven

    • Kleinschreibung von Adjektiven (schön)
    • Auslaute D/T, B/P, G/K (kälter - kalt, lieber - lieb, stärker - stark)
    • E/Ä (alt - älter)
    • S/SS/ß (fieser - fiesnasser - nass, größer - groß)
    • Verdopplung (dünner - dünn)
    • Endungen von Adjektiven (riesig, täglich)
    • Steigerungsformen (gut, besser, am besten)

      

    3.4 Implizites Lernen bei der Bearbeitung von Merkwörtern

    • QU (Quelle)
    • ST/SP (Stern, Spalte)
    • Dehnungs-H (dehnen)
    • Stimmhaftes H zwischen den Silben (Mühe)
    • IE (sieben)
    • TZ/CK (Katze, eckig)
    • V/F (vor, für)
    • Y (Baby)
    • „KS“-Laute (Achse, links, boxen)
    • Doppelvokale (See, Zoo)
    • Fremdwörter (Computer, Video, Garage)
    • Wortstämme (fallen, der Fall, einfallslos)
    • Vorsilben (verstehen, erlauben)
    Literaturnachweis:

     

     

    Ebbinghaus, H. (1885). Über das Gedächtnis. Untersuchungen zur experimentellen Psychologie. Leipzig: Duncker & Humblot.

     

    Dempster, F. N. (1988). The spacing effect: A case study in the failure to apply the results of psychological research. American Psychologist, 43, 627-634.

     

    Laxon, V. J., Coldheart, V. & Keating, G. C. (1988). Children find friendly words friendlier too: Words with many orthographic neighbours are easier to read and spell. British Journalof Educational Psychology, 58, 103-119.

     

    Lemoine, H. E., Levy, B. A. & Hutchinson, A. (1993). Increasing the naming speed of poor readers: Representations formed across repetitions. Journal of    Experimental Child Psychology, 55, 297-328.

     

    Perkins, D. N. & Salomon, G. (1992). Transfer of Learning. In Peterson, P., Baker, E. & McGaw, B. (eds.). International Encyclopedia of Education (2. ed.). Oxford, England: Pergamon Press.

     

    Simonszent, H. (2004). Analyse der Blickbewegungen von Kindern mit einer Lese- und Rechtschreibstörung und einer altersentsprechenden Kontrollgruppe beim Lesen von Pseudowörtern. Tübingen: Eberhard-Karls-Universität Tübingen.

     

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